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Mitte der 90er Jahre stieß Thomas Riedelsheimer zufällig auf einen Artikel über Andy Goldsworthy, in dem dieser mit dem Satz zitiert wurde: Ich möchte den Stein verstehen. Riedelsheimers Interesse war geweckt. Es sind verschiedene Dinge, die mich an Goldsworthy faszinieren: die Besessenheit, mit der er seine Arbeit betreibt, diese unglaubliche Energie. Ebenso das Wissen und die Erfahrung, die er über die Jahre gesammelt hat, das Wissen vom Licht, dem Wetter, dem Boden, dem Stein, über die Dinge, die nicht sofort oder nie offensichtlich sind. Schließlich die fast meditative, hochkonzentrierte Ruhe, die er beim Arbeiten hat, und der Druck, der Zeitdruck, dem er sich dabei aussetzt.
Der Konzeption von Rivers and Tides lag die Idee von Zeit als zirkularer und gleichzeitig linearer Erfahrung zugrunde. Wie sich dies in Bilder umsetzen ließ, war zu Beginn der Dreharbeiten im Herbst 1998 relativ offen. Im Prinzip war es eine spannende Entdeckungsfahrt. In Kanada wußten wir z.B. überhaupt nicht, was wir drehen würden. Wir wußten nur, daß es um Zeit geht, um Flüssigkeit, um Gegensätze, um Verbindungen. Wir begleiteten Goldsworthy am ersten Tag bei seiner Erkundung. Als ich ihn dann bei laufender Kamera fragte: Was machst du jetzt? antwortete er ziemlich genervt: I am trying to think! und wandte sich ab.
Zwischen Filmteam und Goldsworthy entwickelte sich dennoch bald ein großes Vertrauen. Mit ein Grund, warum es so schnell sehr gut wurde, lag vielleicht darin, daß wir das erste Filmteam waren, das ihm aktiv geholfen hat. Das hat ihm sehr imponiert. Er betonte, daß er noch nie einen Filmemacher so nah an sich und seine Kunst heran gelassen hat wie mich.
Riedelsheimer wollte die Veränderung der Kunstwerke, die Unberechenbarkeit, die Zeitläufe dokumentieren. Das geduldige, manchmal vergebliche Warten wurde zum natürlichen Bestandteil der Dreharbeiten. So brach der Steinkegel an der kanadischen Küste während des Bauen fünfmal ein, überlebte drei Fluten unbeschadet und stürzte schließlich unbeobachtet bei Ebbe zusammen. Gedreht wurde in einem kleinen Team aus Kameraassistenz, Ton, Aufnahmeleiter und Riedelsheimer als Regisseur und Kameramann.
Die Drehzeiten waren großzügig ausgelegt, komplizierte Einstellungen wie eine lange Kreisfahrt im Fluß konnten in relativer Ruhe realisiert werden. Für die oft aufwendigen Dreharbeiten fernab jeder Straße und Behausung war eine speziell angepasste Ausrüstung notwendig u.a. ein von Riedelsheimer modifizierter Kamerakran und ein selbst entworfener zusammenlegbarer Schienenwagen mit Aluschienen. Gedreht wurde im Storm King Park in den USA (ab Herbst 1998 über die vier Jahreszeiten), in Nova Scotia in Kanada (Winter 1999), Schottland (drei Drehphasen: Frühjahr, Sommer und Herbst 1999) und im südfranzösischen Digne (Sommer 1999.)
Rivers and Tides erlebte seine Uraufführung auf dem Forum der Berlinale 2001 und wurde mit dem Deutschen Kamerapreis für Thomas Riedelsheimer ausgezeichnet. Eine weitere Zusammenarbeit zwischen Thomas Riedelsheimer und Andy Goldsworthy ist geplant.
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